Judika

Introitus

In den vorreformatorischen Gottesdiensten, war es üblich, dass der Liturg zusammen mit dem Chor und allen an der Liturgie Beteiligten mit einem feierlichen Gesang, dem Introitus (lat. "Eingang") in die Kirche einzogen. Diese Einzugsprozession sollte den Einzug Jesu in Jerusalem symbolisieren und gleichzeitig Sinnbild sein für das Volk Gottes auf seinem Weg.

Der Eingangsgesang des Introitus - in der Regel ein Psalm - bereitete gleichzeitig auf die Thematik des Sonntags mit seinen Lesungen vor. So gab es Sinn, die Sonntage in den Festkreisen nach dem ersten Wort des jeweiligen Eingangspsalms zu benennen.

Ein Relikt dieser gregorianischen Gesänge sind in unseren Gottesdiensten die Eingangspsalmen oder Introiten (Gesangbuch Nr. 732 - 800), in denen - freilich in veränderter Form - Klänge von vor über 1000 Jahren zu uns herüberwehen.

Hier ein Beispiel, wie der Introitus zu Judika damals geklungen haben könnte:

In dieser Form wird der sog. gregorianische Choral noch heute in der katholischen Messe und in den Klöstern gepflegt.

(Die kleinen Schnörkelchen über den Wörtern sind übrigens die Vorläufer unserer Notenschrift, die sog. "Neumen". Sie zeigen den Verlauf der Melodie, deren Ausdruck und Interpretation an und sind gleichzeitig die Dirigierbewegungen des Kantors.)


 
Thema

"Judika"  bedeutet „Richte mich“ und ist aus den Anfangsworten des Eingangspsalms (des Introitus) für diesen Sonntag entnommen:

“Iudica me Deus et discerne causam meam a gente non sancta a viro doloso et iniquo salva me....“:

Schaffe mir Recht, Gott, / und führe meine Sache wider das treulose Volk und errette mich von den falschen und bösen Leuten! Denn du bist der Gott meiner Stärke: Warum hast du mich verstoßen? Warum muss ich so traurig gehen, wenn mein Feind mich drängt? Sende dein Licht und deine Wahrheit, dass sie mich leiten und bringen zu deinem heiligen Berg und zu deiner Wohnung, dass ich hineingehe zum Altar Gottes, / zu dem Gott, der meine Freude und Wonne ist, und dir, Gott, auf der Harfe danke, mein Gott. Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir? Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken, dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist. (Psalm 43)

Gehorsam im Glauben, Gerechtigkeit  und die Hingabe an Gott sind die Themen des Sonntags, ebenso wie die Hingabe Gottes an die Menschen.


 
Chormusik

Von Psalm 43 gibt es eine doppelchörige Psalmmotette in den "Cantiones Sacrae" von Samuel Scheidt (1587 - 1654). Scheidt war Hoforganist in Halle (Saale) und gehört mit Johann Herrmann Schein und Heinrich Schütz zu den "Drei großen S" der protestantischen Kirchenmusik.

 

Auch Felix Mendelssohn-Bartholdy hat den Psalm vertont: "Richte mich Gott" op 78, Nr. 2

(University of Louisville Cardinal Singers, USA / Aufnahme vom Kammerchorwettbewerb Marktoberdorf)


 
Wochenlied

Als Wochenlied ist das Lied „O Mensch, bewein dein Sünde groß“ (EG 76) von Sebald Heyen (um 1530) vorgesehen.

1. O Mensch, bewein dein Sünde groß, / 

darum Christus seins Vaters Schoß / 

äußert (a) und kam auf Erden; / 

von einer Jungfrau rein und zart /  

für uns er hier geboren ward, / 

er wollt der Mittler werden. / 

Den Toten er das Leben gab / 

und tat dabei all Krankheit ab, (b) / 

bis sich die Zeit herdrange, / 

dass er für uns geopfert würd, / 

trüg unsrer Sünden schwere Bürd / 

wohl an dem Kreuze lange.    a) Phil 2,7; b) Mt 8,16.17 

In seiner ursprünglichen Form erzählte es in 22 Strophen die ganze Passionsgeschichte. Eines der Anliegen der Reformation war ja, die Gemeinde mehr am Gottesdienst zu beteiligen, wozu eigens deutsche Kirchenlieder geschrieben wurden. Die meisterhafte und weiträumige Melodie von Matthias Greiter - ursprünglich ein Psalmlied - eignete sich besonders für derart große Erzählungen. 

Nach altem Brauch begann am Sonntag Judika die "eigentliche" Passionszeit: Das Gloria Patri ("Ehre sei dem Vater...") nach dem Psalm entfiel, die Orgeln wurden mit Tüchern verhängt bzw. deren Flügeltüren geschlossen und die Passionsgeschichte wurde gelesen.

Vielleicht steht ja genau deshalb dieses Passionslied im Zentrum dieses Sonntags. Schon die erste Strophe umreißt die ganze Passionsgeschichte, wobei der Anfang (der Mensch reflektiert seine Sünden) und der Schluß (Gott gibt seinen Sohn für unsere Sünden) einen inhaltlichen Rahmen ergeben. Und dieser wiederum weist auf das Thema des Sonntags hin: Die Hingabe des Menschen an Gott und Gottes Hingabe an die Menschen.

 
Musik zum Lied:

Chormusik:

Einer der größten Meister des Liedsatzes in der Reformationszeit war Caspar Othmayer (1515-1553), Propst von St. Gumbertus in Ansbach. Bei ihm klingt das Lied so:

 

Die wohl bekannteste Vertonung dieses Liedes ist in J.S. Bach's Matthäuspassion zu finden. Dort steht der Choral am Ende des ersten Teiles, quasi als Reflexion der Gefangennahme Jesu. Die Einbeziehung von Chorälen war eine der Neuerungen, die Bach in seinen Passionen einführte: Während die breitangelegten Arien das Geschehen reflekierten, sollen die Choräle die Antwort der versammelten Gemeinde darstellen. 

Im Choral „O Mensch, bewein dein Sünde groß“ der Matthäuspassion wird das "Beweinen" musikalisch durch eine lange Kette von Seufzermotiven im Orchester dargestellt, die das ganze Stück wie mit Tränen benetzen. 

(Aufnahme mit dem Collegium Vocale Gent unter Philipp Herreweghe)

 

Orgelmusik:

Eine weitere berühmte Komposition über dieses Lied ist im "Orgelbüchlein" von J.S. Bach zu finden. Das Stück sprengt den Rahmen der sonst eher kurzen Choralvorspiele dieser Sammlung ganz beträchtlich und wirkt wie eine breitangelegte kontemplative Fantasie: Die Melodie ist so ausdrucksvoll und reichhaltig mit Ornamenten und Seufzern verziert, dass sie kaum mehr erkennbar und nur noch zu erahnen ist. Eine meisterhafte Passions-Meditation!

Matteo Imbruno an der Vater-Müller-Orgel (1726/1742) in der Oude Kerk Amsterdam

 

Traugott Mayr