Palmarum - Palmsonntag

Am Palmsonntag wird des Einzugs Jesu Christi in Jerusalem gedacht.

Hosianna! Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn, der König von Israel! (Johannes 12, 14)

Mit diesen Ruf empfing das Volk Jesus, als er in Jerusalem einzog. Hosianna (hebr.: הוֹשִׁיעָה נָּא, Hoschana) bedeutet „Hilf doch!“ und geht auf die Lobpsalmen zurück, wo dieser Ruf oft als Anrufungsformel auftaucht. So geht der Hosianna-Ruf ursprünglich auf Psalm 118 zurück, der im Judentum ein Höhepunkt der Pessach-Liturgie war. Da Jesus zum Beginn des Passahfestes einzog, bezog man offensichtlich die entsprechenden Psalmworte auf ihn und begrüßte so den erhofften Erretter.

O HERR, hilf! O HERR, laß wohl gelingen! Gelobt sei, der da kommt im Namen des HERRN! (Ps 118, 25+26)

Hier zwei freudig jubelnde Hosianna-Kompositionen:

Michael Praetorius (1571-1621), Komponist, Organist und Kapellmeister in Wolfenbüttel, vertonte den Text im prachtvollen Stil der venezianischen Mehrchörigkeit:

(Der Einzug in Jerusalem begegnet uns zweimal im Kirchenjahr: An Palmsonntag sowie am am 1. Advent. Deswegen tauchen Hosanna-Vertonungen auch im Weihnachtsfestkreis auf.)

Franz Tunder (1614-1667), Komponist und Organist an der Lübecker Marienkirche, schrieb darüber ein geistliches Konzert: 

 
Messkompositionen

Es gibt noch einen Ort im Gottesdienst, an dem der Hosanna-Ruf regelmäßig gesungen wird, nämlich im Sanctus der Abendmahlsliturgie:

 Heilig, heilig, heilig ist der Herre Zebaoth.
Alle Lande sind seiner Ehre voll. (Jesaja 6:3)
Hosianna in der Höhe.
Gelobet sei, der da kommt im Namen des Herren.
Hosianna in der Höhe. (Matth. 21,9)

Im Sanctus heißen wir den im Abendmahl gegenwärtigen Christus willkommen.

Und so begegnet uns der Ruf in jeder Messvertonung, meist in besonders strahlender und prächtiger Form, wie z.B. auch in der h-moll-Messe von J.S.Bach:

 

oder im Benedictus und Hosanna (4:15) der c-moll-Messe von W.A.Mozart:

(„Benedictus qui venit in nomine domini“ = „Gebenedeit sei, der da kommt im Namen des Herrn“)

 

Karwoche:

Der Einzug Jesu in Jerusalem am Palmsonntag steht am Anfang der Karwoche.

Heute wird er noch bejubelt, wenig später schon ans Kreuz geschlagen: Dem "Hosianna"-Ruf steht der „Kreuzige“-Ruf gegenüber.

Der Kontrast könnte auch musikalisch kaum größer sein:

(J.S. Bach: Johannespassion. The Monteverdi Choir / The English Baroque Soloists / Ltg.: John Eliot Gardiner)

 
Bach-Kantate

Die Bußzeiten des Jahres galten als „tempus clausum“ (lat. „Geschlossene Zeit“), in der u.a. keine aufwändigen Kirchenmusiken aufgeführt werden durften. Das galt auch in den protestantischen Kirchen Leipzigs zur Zeit J.S.Bachs, weswegen es von Bach keine Kantaten für den zweiten bis vierten Adventssonntag sowie für die Fastensonntage gibt.

Eine Ausnahme macht der Palmsonntag, für den uns die Kantate Nr. 182 „Himmelskönig, sei willkommen“ überliefert ist. Sie entstand zum Palmsonntag 1714 als erste Komposition nach Bachs Ernennung zum Konzertmeister am Weimarer Hof.

Der Textdichter vergleicht Jesu Einzug in Jerusalem mit dem Einzug Jesu in unsre Herzen:

Himmelskönig, sei willkommen, Lass auch uns dein Zion sein! Komm herein, Du hast uns das Herz genommen. (Nr. 2 Chorus)

Auch die "Kreuzige"-Rufe werden thematisiert - Der gläubige Christ soll auch im Leiden zu Jesus stehen.

Jesu, lass durch Wohl und Weh / Mich auch mit dir ziehen! / Schreit die Welt nur "Kreuzige!" / So lass mich nicht fliehen, / Herr, Herr, von deinem Kreuzpanier, / 

Kron und Palmen find ich hier. (Nr. 6 Aria)

Ein ganz besonderes Kleinod ist die Arie Nr. 5 (8:30) mit ihrer ausdrucksvollen Blockflötenpartie - sicher eine der schönsten Bachs. Das einleitende Thema mit seinen fallenden Tonstufen ("Verneigungsmotiv") symbolisiert Demut und gläubige Hingabe des Herzens: 

Leget euch dem Heiland unter, / Herzen, die ihr christlich seid! / Tragt ein unbeflecktes Kleid / Eures Glaubens ihm entgegen, / Leib und Leben und Vermögen / Sei dem König itzt geweiht. 

Im letzten Satz wird der Gedanke des Eingangschors wieder aufgenommen. In der Nachfolge Jesu werden wir mit ihm in Salem (=Jerusalem: Symbol für das Himmelreich) einziehen:

So lasset uns gehen in Salem der Freuden, / Begleitet den König in Lieben und Leiden, / Er gehet voran / Und öffnet die Bahn. (Nr. 8 Chorus)

Besonders bemerkenwert ist die einleitende Sinfonia, die in ihrem festlich schreitenden Rhythmus den Einzug in Jerusalem anschaulich macht. Sie ist als französische Ouverture komponiert, einer Form, die besonders in der französischen Barockoper den Einzug des Königs symbolisierte. In dieser Kantate geschieht dies aber nicht mit Pauken und Trompeten: Entprechend dem bescheidenen und wenig prunkvollen Einzug Jesu auf einem Esel läßt Bach die Ouvertüre hier vom leisesten aller Blasinstrumente anführen - der Blockflöte.

Traugott Mayr 

Der komplette Text der Kantate


1. SONATA 

2. CHOR: Himmelskönig, sei willkommen, / Lass auch uns dein Zion sein! / Komm herein, / Du hast uns das Herz genommen. 

3. REZITATIV (Bass): Siehe, ich komme, im Buch ist von mir geschrieben; deinen Willen, mein Gott, tu ich gerne. 

4. ARIA (Bass): Starkes Lieben, / Das dich, großer Gottessohn, / Von dem Thron / Deiner Herrlichkeit getrieben, / Dass du dich zum Heil der Welt / Als ein Opfer fürgestellt, / Dass du dich mit Blut verschrieben. 

5. ARIA (Alt): Leget euch dem Heiland unter, / Herzen, die ihr christlich seid! / Tragt ein unbeflecktes Kleid / Eures Glaubens ihm entgegen, / Leib und Leben und Vermögen / Sei dem König itzt geweiht. 

6. ARIA (Tenor): Jesu, lass durch Wohl und Weh / Mich auch mit dir ziehen! / Schreit die Welt nur "Kreuzige!" / So lass mich nicht fliehen, / Herr, Herr, von deinem Kreuzpanier, / Kron und Palmen find ich hier. 

7. CHORAL (EG 88): Jesu, deine Passion / Ist mir lauter Freude, / Deine Wunden, Kron und Hohn / Meines Herzens Weide; / Meine Seel auf Rosen geht, / Wenn ich dran gedenke, / In dem Himmel eine Stätt, / Uns deswegen schenke. 

8. CHOR: So lasset uns gehen in Salem der Freuden, / Begleitet den König in Lieben und Leiden, / Er gehet voran / Und öffnet die Bahn.